Wagnergedenken in Groß Schönebeck am 29. April 2026
Rainer E. Klemke, Historiker und Betreiber der berlinHistory.app und der NaziCrimesApp (wo alle NS-Gerichtsakten verortet sind) sagte als Vertreter des Bürgervereins Groß Schönebeck/Schorfheide bei der Gedenkveranstaltung der Kirchengemeinde und des Bürgervereins u.a. folgendes:
Wieder haben wir uns hier vor dem Pfarrhaus zusammengefunden, um der Bluttat der NS-Herrschaft in unserem Dorf am letzten Tage des II. Weltkrieges hier in Groß Schönebeck zu gedenken.
An den Anlass dazu hat bereits Pfarrerin Elisabeth Kruse erinnert und das Geschehen geschildert.
Durch die Veröffentlichung der Mitgliedsunterlagen der NSDAP durch das National Archiv der USA, die über ein Angebot der „ZEIT“ zugänglich ist, gibt es derzeit in vielen Familien Diskussionen darüber, ob der Großvater oder der Urgroßvater Mitglied war und was er dort gemacht hat.
Ich möchte daher heute einmal die Aufmerksamkeit auf einige Aspekte der 12 Jahre dauernden Herrschaft der Nationalsozialisten hier bei uns in Groß Schönebeck richten, war unser Dorf in dieser Zeit doch alles andere als ein Hort des Widerstandes.
Im Gegenteil:
Groß Schönebeck ging es sehr gut in dieser Zeit. Die Handwerker des Dorfes profitierten vom Bau und Ausbau Hermann Görings Carinhall. Dessen Bedienstete kamen zum große Teil aus Groß Schönebeck. 1937 wurde damit begonnen, mehrere Gendarmeriegebäude in der Schlufter Straße zu errichten, um Carinhall abzusichern. 1939 war das erste Doppelwohnhaus in der Schlufter Str. 14/15 im Fachwerkstil fertig. Die Gemeinde hatte dafür zunächst kostenlos ein Grundstück an der Alten Joachimsthaler Straße angeboten. Reichsführer der SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler legte die Sollstärke für den Posten auf 21 Mann fest. Der Abteilungskommandant erhielt den Sitz in Groß Schönebeck. Ihm unterstanden sechs weitere Stationen mit zwei Kraftfahrzeugen und 20 Motorrädern. In das Doppelhaus zogen zunächst Hauptwachmeister Wolf und Gendarm Schröder ein. 1940 entstand dann der Gebäudekomplex für das Wachbatallion gegenüber ebenfalls im Fachwerkstil, da, wo nach Kriegsende das Landambulatorium eingerichtet wurde.
Am Sportplatz wurde ein Reichsarbeitsdienstlager gebaut, das später auch als Zwangsarbeitslager diente – wie auch ein solches Lager am Bahnhof mit Zwangsarbeitern aus der Ukraine und aus Polen.
Wer hätte gedacht, dass unser Dorf aus dem zerstörten Tscherniew in der Ukraine so viel später Geflüchtete aufnehmen und versorgen würde, die vor Putins Invasionsarmee flüchten mussten, nachdem im Weltkrieg ihre Heimatorte von Deutschen zerstört und Opfer in jeder Familie zu beklagen waren.
Mit den Zwangsarbeitern bekam Groß Schönebeck billige Arbeitskräfte für das Handwerk, die Bauern und die Sägewerke. Außerdem wurden die Zwangsarbeiter für die Entladung der Mülltransporte aus Berlin am Bahnhof eingesetzt.
1936 wurde der repräsentative Gebäudekomplext an der Berliner Straße für Hermann Görings „Schorfheidestiftung“ errichtet und für deren Angestellte Doppelhäuser an der heutigen Friedensstraße.
Wer im Dorf eine Funktion wahrnehmen wollte, musste auf Anordnung des NS-Dorfarztes – so er das nicht selbst anstrebte – Mitglied des Ortsverbandes der NSDAP werden. So auch unser Großvater Paul Grabowski, der hier in den zwanziger Jahren die KPD gegründet hatte und seither für das Rote Kreuz Ersthelfer ausbildete. Er ist im April 1945 später dann mit einer weißen Fahne den sowjetischen Truppen entgegen gegangen und hat damit die Zerstörung des Dorfes verhindert. Zunächst wurde er vom sowjetischen Kommandanten als erster Bürgermeister eingesetzt, aber dann wegen der NSDAP-Mitgliedschaft wieder entlassen.
Hermann Göring war nicht nur der zweitmächtigste Mann im NS-Staat und vorgesehener Hitler-Nachfolger, er ist als Begründer der SA und der ersten wilden Konzentrationslager auch ein bedenkenloser und furchtbarer Vollstrecker der NS-Ideologie. Die Gründung der Geheimen Staatspolizei, aus der später das Reichssicherheitshauptamt in Berlin-Tiergarten als die Terrorzentrale des Regimes hervorging, wurde von Hermann Göring veranlasst. Nicht nur in der Verfolgung seiner Gegner ging er über Leichen, sondern sogar in der eigenen Anhängerschaft veranlasste er beim so genannten Röhm-Putsch die Ermordung des SA-Führers und weiterer 200 hochrangiger SA-Führer, die ursprünglich auf ihn eingeschworen waren. Er war es, der nach der Reichsprogromnacht 1938 den deutschen Juden eine Geldbuße in Höhe von einer Milliarde Reichsmark auferlegte, er beauftragte Reinhard Heydrich, die Vorbereitungen für eine „Endlösung der Judenfrage“ zu treffen und einen „Gesamtentwurf“ hierfür zu erarbeiten.
Göring wurde 1937 auf unserem Sportplatz mit einem großen Festakt mit Fahnenweihe zum Ehrenbürger Groß Schönebecks ernannt. In seiner Ansprache sagte der Reichsjägermeister aus Carinhall, der ein häufiger und gern gesehener Gast bei den Festen in Groß Schönebeck war:
„Uns eint gute Nachbarschaft, aber auch die Verbundenheit unter diesem Siegeszeichen, dem Schicksalszeichen des deutschen Volkes…… Daher Achtung vor diesem Kampf und den alten Kämpfern und vor diesem Kampfeszeichen, das uns vor bolschewistischem Untergang bewahrt hat. Denn das ist die Frage: Hakenkreuz oder Sowjetstern?“
Dass die Groß Schönebecker gerade als Folge der NS-Herrschaft beide Zeichen in Folge bekommen sollten, ahnte wohl keiner der festlich herausgeputzten Bürgerinnen und Bürger, die – so sie etwas hatten – in Uniform mit allen Ehrenzeichen auf dem Sportplatz angetreten waren, wie z.B. die Motor- und Reiterstaffel SA von Groß Schönebeck, die Hitlerjugend aus dem Berliner Landschulheim aus Zerpenschleuse und aus Groß Schönebeck, der Bund Deutscher Mädel aus der Gemeinde, der große Männer-Turnverein, der Gesangverein Germania sowie der Krieger- und Landwehrverein waren vor Ort. Feuerwehr und Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrern bildeten das Spalier auf dem Waldweg zum Sportplatz. Neben den Partei- und SA-Führen des Landkreises waren die örtlichen Honoratioren zu Ehren des zweitmächtigsten Mannes des Nazireiches, Hermann Göring, erschienen. An der Spitze der Amts- und Gemeindevorsteher Pankow, der NS-Ortsgruppenleiter und Schulleiter Mühlbach, Ortspfarrer und die Gemeinderäte. Natürlich waren auch zu Ehren des „Reichsjägermeisters“ die Spitzen der Forstverwaltung angetreten, die Oberförsterei Pechteich mit Forstmeister Fuckel und die Oberförsterei Groß Schönebeck mit Forstmeister Berthold. Anlass des hohen Besuches und des Bekenntnisses zur Schorfheide des in hohe Stiefel, Lederhose, grünes, ärmellose Weste und weißes Hemd mit halboffenem Kragen gekleideten Nachbarn aus Carinhall war die Fahnenweihe der örtlichen Parteiorganisation am 11. Juni 1934.
Zwar wurden die Ehepaare Bruno und Anna Schwartze (Berlin) sowie Friedrich und Helene Hübner aus Groß Schönebeck als „Gerechte unter den Völkern“ in der Holcaustgedenkstätte Yad Vashem geehrt, die während des Holocaust das Ehepaar Moritz und Henriette Mandelkern beoi uns im Dorf versteckten und ihnen so das Leben retteten. Aber ansonsten waren die Groß Schönebecker begeisterte Anhänger der Nationalsozialisten und auch in der DDR-Zeit sollen noch Hitlerbilder bei der einen oder anderen Familie über dem Küchentisch gehangen haben.
Diese Begeisterung zeigte sich auch am 10. November 1938, als in der heutigen Ernst-Thälmann-Str. 43 SA-Mitglieder aus unserem Dorf und Zerpenschleuse den Kolonialwarenladen der Familie Leiser zerschlugen. Ein Täter trug mehrfach Sachen aus dem Geschäft heraus in ein bereitstehendes Auto. Ein weiterer Täter beteiligte sich an der Zerstörung der Einrichtung und stahl die Ladenkasse, die er geleert bei der Post über die Mauer warf. Auf Befehl des NSDAP-Ortsgruppenleiters Mühlbach wurde auch das Schaufenster eingeworfen und die Schlafzimmer der Familie demoliert. Derjenige, der bei dem zuvor überaus beliebten Kaufmann die meisten Schulden angehäuft hatte, ließ das Schuldenbuch mitgehen. Der mit dem Eisernen Kreuz im WK I ausgezeichnete Kaufmann verstand die Welt nicht mehr und blieb trotz wohlmeinender Warnungen im Dorf, um dann schließlich mit seiner Familie in Auschwitz den Tod zu finden.
Was uns nun aufschrecken und mobilisieren muss, ist die Tatsache, dass heute wieder eine Partei, die als verfassungsfeindlich eingestuft wird, bei Wahlen über 50% der in Groß Schönebeck abgegebenen Stimmen erhält. Eine Partei, die u.a. die Landeszentrale für politische Bildung und die NS-Gedenkstätten abschaffen und Nichtregierungsorganisationen verbieten will, die die Kunst- und Pressefreiheit dramatisch einschränken will und den Nationalsozialismus als einen „Fliegenschiss“ der Geschichte einstuft.
Dieser Partei nahestehende und auch ihr zugehörende rechtsextreme Täter töteten allein seit 2016 22 Menschen in Deutschland bzw. begingen eine Fülle anderer rechtsradikaler Straftaten. Seit 1990 zählt das Bundeskriminalamt insgesamt 109 Todesopfer rechter Gewalt, der Tagesspiegel recherchierte sogar 187 Opfer – doch die Zahl liegt laut NGOs und Opferinitiativen noch höher. Damit liegen die Opfer von Tötungsdelikten und anderer einschlägiger Straftaten um ein Vielfaches über denen islamistischer oder linksradikaler Attentate und Verbrechen, die in den Medien die Schlagzeilen beherrschen. Und die Zahl der vom Verfassungsschutz gezählten Rechtsextremen und Verfassungsfeinde in Deutschland steigt weiterhin dramatisch an.
Gerade hier, am Gedenkstein für die Familie Wagner, dem letzten Verbrechen der NS-Zeit hier bei uns im Dorf gilt es, ein „Nie wieder“ auszurufen. Leider gilt es mittlerweile nicht mehr nur, den Anfängen zu wehren. Es hat sich angesichts der wachsenden politischen Probleme hier und in aller Welt die Unzufriedenheit und Sorge bei den Menschen dramatisch verschärft und damit der Ruf nach einfachen Lösungen der komplizierten Lage. Das hat uns schon einmal ins Unglück geführt.
Rainer E. Klemke



