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Abschied von Annette und Stephan Flade

Geschrieben von Rainer Klemke am . Veröffentlicht in Aktuelles

So voll war die Immanuelkirche in Groß Schönebeck nur äußerst selten: Groß Schönebeck und die Kirchengemeinden von Groß Schönebeck und Zerpenschleuse, Amtsbrüder und viele Wegbegleiter aus Nah' und Fern' verabschiedeten ihren Pfarrer Stephan Flade und seine Frau Annette, Pfarrerin i.R., nach sechs Jahren ereignisreichen Lebens und Dienst in der Schorfheide bei einer bewegenden und auch tränenreichen Veranstaltung in den wohlverdienten Ruhestand, die sie in Annette Flades Heimat in Wittenberge verleben werden.

Foto: Lutz Reinhardt

Pfarrer Flade hielt in seiner Predigt, die er unter das Motto stellte, "Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, habt Ihr mir getan", Rückschau auf die 40 Jahre der gemeinsamen kirchlichen Arbeit des Paares in der Zeit unter unter den widerständigen Bedingungen der DDR in der Prignitz, in Babelsberg, dann in Indonesien - wo sie, wenn auch unter sehr guten ökonomischen Rahmenbedingungen erfuhren, was es heißt, in einer völlig anderen Sprache und Kultur zu leben und zu arbeiten - und schließlich der letzten sechs Jahre in Groß Schönebeck und Zerpenschleuse.

Pfarrer Christoph Brust nahm die offizielle Verabschiedung aus dem Kirchendienst vor, für die Gemeinde Schorfheide sprach Bürgermeister Uwe Schoknecht und würdigte besonders die gemeinsame Gründung des Bündnisses Bunte Schorfheide und das vielfältige gesellschaftliche Engagement des Paares. Annette und Stephan Flade, die die "Kirche wieder mitten im Dorfleben verankert haben" (Klemke), wurden auch in Bezug auf Ihren Einsatz für die Aufnahme von Geflüchteten gewürdigt. Das stellte die Barnimer Sozialdezermentin Silvia Ulonska in dem Mittelpunkt ihrer Abschiedsworte und überbrachte die Grüße von Landrat Bodo Ihrke. Wie schon Pfarrer Brust, der den Einsatz der Flades für den ganzen Kirchenkreis hervorgehoben hatte, sprach auch Frau Ulonska von dem übergreifenden Engagement von Annette Flade für die Flüchtlingsarbeit im gesamten Landkreis, die viel dazu beigetragen hat, dass der Barnim die vielfältigen neuen Aufgaben so gut bewältigen konnte.

Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst vom Quos-Qurtett (Gesang) und Wilhelm Evermann aus Wandlitz (Orgel). Die Moderation der Beiträge erfolgte durch Pfarrerin Karina Nippe aus Marienwerder, die auch die Vakanzvertretung bis zur Neubesetzung der Pfarrstelle übernimmt.

Jan Ivers (Projektleiter Garten der Nationen und Krumbach-Wandbild), Annette Flade (Teamleiterin), Marie Ivers, Iman Mohammed, Karin Friedrich (Leiterin der Deutschkurse), Zaynab Arsunkaeva und Rainer E. Klemke (Sprecher) des Willkommensteams des Bürgervereins Groß Schönebeck/Schorfheide e.V. bei den Dankes- und Abschiedsworten und der Übergabe der Geschenke an Annette Flade (v.l.n.r.) Foto: Lutz Reinhardt

Stellvertretend für die derzeit 42 Geflüchteten in Groß Schönebeck bedankten sich die Tschetschenin Zaynab Arsunkaeva und die Syrerin Iman Mohammed auf Deutsch bei Annette Flade für die Aufnahme und Betreuung. Für das Groß Schönebecker Willkommensteam verabschiedete ihr Sprecher Rainer E. Klemke (Rede siehe unten) die ehemalige Teamleiterin und nahm den Gewitterregen während der Predigt als Zeichen des Himmels und Trauer für den Abschied, wie auch den folgenden Sonnenschein beim anschließenden gemeinsamen Kaffetrinken auf dem Kirchenvorplatz für ein gutes Zeichen für die Zukunft der beiden Verabschiedeten. Karin Friedrich übergab nach den Reden (siehe Bild oben) Annette Flade einen Band mit Bildern aus der Arbeit mit den Geflüchteten und mit deren schriftlichen Abschiedsgrüßen, Rainer E. Klemke steuerte einen Band mit Abschiedsgrüßen von Mitgliedern des Willkommenteams und ca 50 Berichten des Fernsehens, des Radios und der Presse über eineinhalb Jahre Arbeit des Willkommensteams unter Leitung von Annette Flade bei und Marie und Jan Ivers überreichten für das Team Blumengestecke als Zeichen der Dankbarkeit und Wertschätzung.

Zum Ausklang trug der von Stephan Flade unter Leitung von Ron Schmuck ins Leben gerufene neue Kirchenchor ein auf die Melodie von "Amore" von Conny Schmuck gedichtetes Lied für den scheidenden Sangesbruder und ehemaligen Kruzianer Stephan Flade vor.

Zu Beginn des Gottesdienstes (vom Kirchturm) und auch danach beim Kaffeetrinken erklangen die Jagdhörner der Schorfheider Jagdhornbläser unter Leitung von Klaus Diezel, der, wie sein Sohn Andreas Zeidler für den Ortsbeirat, je ein selbstgemaltes Bild mit und für die Flades aus der Schorfheide übergeben hatte.

Foto: Lutz Reinhardt

Schließlich waren noch vor der Kirche im Sonnenschein muntere Lieder des Chores der Zerpenschleuser Gemeinde und eine Würdigung für ihren scheidenden Pfarrer vor der Kirche zu hören, bei denen beide Flades kräftig mitsangen (Bild oben).

 

Für Annette und Stephan Flade zum Abschied

Grußwort von Rainer E. Klemke, Sprecher des Willkommensteams des Bürgervereins Groß Schönebeck/Schorfheide e.V., am 21. August in der Immanuelkirche zu Groß Schönebeck

Dies ist ein besonderer Tag für Groß Schönebeck, für die Kirchengemeinde, für das Willkommensteam des Bürgervereins Groß Schönebeck/Schorfheide e.V. und besonders für unsere Neubürger aus Syrien, Tschetschenien und Pakistan. Der Tag des Abschiedes von Annette und Stephan Flade.

Es gehen zwei Lotsen von Bord, die uns zu neuen Ufern geführt haben. Die uns Wegweisung gaben, wenn wir an gefährlichen Klippen zu scheitern drohten, die uns Trost gespendet und neue Horizonte eröffnet haben. Wir hatten das große Glück, mit einer Pfarrstelle gleich zwei Menschen bekommen zu haben, die sich mit all' ihren Erfahrungen, mit all' ihren Kontakten und mit vollem Engagement in unser Dorf eingebracht haben.

Annette und Stephan, die Menschenfischer, die uns begeistert und angesteckt haben mit ihren Ideen für die Gemeinde, das Dorf und für die große Aufgabe, die mit der Aufnahme von Geflüchteten auf uns kam. Eine Aufgabe, auf die wir nicht vorbereitet waren und die von Monat zu Monat neue Herausforderungen brachte.

Um im maritimen Wortgebrauch zu bleiben:
Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt's einen Mann, der alles regelt. In unserem Fall war das mit Annette Flade eine Frau, die alles geregelt hat. Sie hat den richtigen Kurs gefunden in allen Stürmen und hat uns, wenn Flaute herrschte, Mut gemacht und stets das Ziel im Auge behalten.

„Leben", sagte John Lennon einmal, „ist das, was passiert, während Du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen." So war es auch bei uns im Willkommensteam. Die Zahl der Menschen, die neu zu uns kamen, stieg ständig, wer wann wie wohin kam, war nur selten im Voraus bekannt. Es gab ungeahnte bürokratische Hürden zu überwinden, unzählige Papiere auszufüllen, Transporte nach Eberswalde, Eisenhüttenstadt und Berlin zu organisieren und zu begleiten, Kita- und Schulfragen zu regeln, die medizinische Versorgung sicherzustellen, Deutschunterricht zu geben, vielfältige Integrationsarbeit zu leisten.

Annette Flade, unterstützt vom Bürgerverein, von Stephan und der Kirchengemeinde, vom Ortsvorsteher Buhrs und dem Ortsbeirat, Bürgermeister Schoknecht und dem Landkreis, gewann Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Patinnen für die neu angekommenen Familien, setzte sich streitbar mit den Behörden auseinander, die auch auf die neuen Probleme nicht vorbereitet waren und schuf mit dem Willkommensteam einen Kreis von Menschen, die ihre unterschiedlichen Kenntnisse und Fähigkeiten für diese Arbeit zur Verfügung stellten und stellen.

Annette Flade war der Mittelpunkt unserer Arbeit, uneitel und unprätentiös, immer ansprechbar, nahm sie sich voller Liebe ihrer Klientel an und errang das Vertrauen ihrer Schutzbefohlenen und auch deren Liebe. Wenn sie uns nun verlässt, gilt das Wort von Albert Schweitzer, der da sagte: „Das einzig wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir Abschied nehmen." Der Spuren gibt es viele, die hier aufzuzählen die Zeit fehlt, da ich mich an Theodor Fontane halten möchte, der feststellte: „Abschiedsworte müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung."

Liebe Annette, lieber Stephan,

eigentlich konnten wir uns schon lange darauf vorbereiten, dass Eure Zeit bei uns begrenzt ist. Immer wieder haben wir davon gesprochen und auch gemeinsam überlegt, wie es ohne Euch weitergehen wird. Zugleich schien es uns aber eigentlich nicht vorstellbar und bis in die letzten Tage hinein wart Ihr mit vollem Einsatz dabei und habt noch vieles geregelt, damit die Arbeit weitergehen kann. Ihr habt beide große Fußspuren hinterlassen, in die niemand wird eintreten können. Es ist an uns, nun neue Wege zu suchen und zu finden, aber alles wird sich daran messen lassen müssen, was Ihr uns vorgegeben habt.

Es ist wunderbar, dass so viele im Willkommensteam seit 18 Monaten bei der Stange geblieben sind und es ist im Sinne von Annette, wenn ich Ihnen allen an dieser Stelle auch herzlich danke. Und zugleich die Gelegenheit nutze, bei Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, dafür werbe, dass der eine oder andere noch zu uns stößt, um z.B. einmal in der Woche mit einem Jugendlichen deutsch zu sprechen und nach den Hausaufgaben zu schauen der andere Aufgaben übernehmen können.

Für heute bleibt uns, Annette und Stephan Flade aus vollem Herzen Dank zu sagen. Dank im Namen unserer Neubürgerinnen und Neubürger, die hier Dank Euch eine neue Heimat gefunden haben. Es gilt Dank zu sagen für alles, was Ihr hier in Groß Schönebeck in uns und mit uns bewegt habt. Dank, dass Ihr uns ein Stück weit begleitet und uns das Gefühl vermittelt habt, Ihr wäret immer bei uns gewesen. Ihr habt uns bereichert in vielfältiger Hinsicht, denn, so sagt man, der ist reich, dem das Leben die Abschiede schwer macht.

Mit Konfuzius möchte ich Euch nun zurufen: „Wohin Ihr auch geht, geht mit ganzem Herzen!" Die Welt dreht sich für Euch und für uns in Groß Schönebeck weiter und Ihr geht in einen neuen Lebensabschnitt. Dafür begleiten Euch unsere guten Wünsche. Für den Start in dieses neue Leben mögen Euch Eure Kraft, Euer Ideenreichtum, Eure Liebe und die Gesundheit treu bleiben und Euch Euer großes Herz allezeit den richtigen Weg weisen.

In dem Sinne schließe ich meinen Abschiedsgruß mit einigen Zeilen von Hermann Hesse, der für Euch wie auch für uns im gleichen Maße gilt:

„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and're neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen."